Geschichte

Der Burgbergturm

 

Herzlich Willkommen am Burgbergturm, einem der Wahrzeichen der Stadt Gehrden. Er heißt so, weil er auf dem Burgberg errichtet wurde. Doch woher hat dieser seinen Namen? Bei der Frage dreht man sich schnell im Kreis.

Wir befinden uns hier in ca. 156 Meter ü.N.N. auf dem höchsten Punkt des Gehrdener Berges und gleichzeitig in einer historischen Ringwallanlage, bestehend aus Gräben und aufgeschüttetem Wall. Diese bewegt sich halbkreisförmig um den Burgbergturm entlang und bildet mit dem Steilhang westlich des Turms ein Oval. Theorien behaupten, es sei eine alte cheruskische Wallanlage. Diese Theorie wird in der jüngsten Zeit allerdings kritisch betrachtet. Zwar wurden Funde aus der Zeit um Christi Geburt geborgen, welche die Theorie stützen könnten, aber eben auch welche aus anderen Epochen, wie zum Beispiel der Jungsteinzeit. Des weiteren entdeckte man verschieden farbige Erdablagerungen, die auf mehrere Bauabschnitte hindeuten. Man vermutet mittlerweile, dass die Wallanlage kein Werk einer einzigen, sondern verschiedener Epochen ist. Ebenso könnte die Anlage, so eine andere Theorie, aus einem astro-nomischem Zweck errichtet worden sein. Dieser Artikel beschäftigt sich mit einem möglichen Zusammenhang zwischen der Errichtung der Wall- anlage auf dem Burgberg und den Sommer- und Wintersonnenwenden.

Wann und von wem der Wall also errichtet und vollendet wurde bleibt weiterhin eine offene Frage. Im Calenberger Raum wurden weitere ähnliche Anlagen gefunden. Der Burgbergturm, wie wir ihn heute sehen war und ist also keine Burg.

Um zu verstehen, was er ist und was er war, gehen wir in das Jahr 1899 zurück, das Jahr der Eröffnung. Die Menschen kommen in großer Zahl mit der Bahnlinie 10 aus Hannover nach Gehrden um sich zu erholen – heute ist es ja eher umgekehrt. Die Linie 10 fuhr über Benthe nach Gehrden bis zum heutigen Steintoreck. Dies war damals Bahnhofs-restaurant und damit eins der vielzähligen Gaststätten in Gehrden. Hier konnte man umsteigen und mit einem Einzelwagen den steilen Weg über die große Bergstraße zum Berggasthaus Niedersachsen fahren. Das Gasthaus wurde von der Überlandstraßenbahn Hannover (Üstra) gebaut, daher fuhr die Bahn direkt vor dessen große Freitreppe, die heute noch steht. Um den Menschenmengen etwas zu bieten baute auch der Gehrdener Maurermeister F. Krull in den Jahren 1897/1898 das Gasthaus mit Aussichtsturm auf dem Burgberg in ca. 156m Höhe, welches im Jahr 1899 den Betrieb aufnahm. Der Aussichtsturm war also seit seiner Errichtung ein Aussichtsturm und bot schon damals mit seiner Höhe von 20,56m einen fantastischen Blick über das Calenberger Land. Der kleine anliegende Gebäudeflügel ist unterkellert und bot im Erdgeschoss Klubzimmer, Küche und Buffet. Der große Flügel ist halb unterkellert und beherbergte den großen Saal. Im Dachgeschoss befand sich der große Schlafsaal, außerdem war hier die Wohnung für den Pächter vorgesehen. Vor und hinter dem Gebäude befanden sich Terrassen, welche noch heute bestehen.

Von 1924 bis 1961 diente das Gebäude dann als Jugendherberge der Leibnizschule Hannover ("Volksbil­dungs- und Jugendheim Burgberg Gehrden"). In dieser Zeit ist einiges passiert. Es tobte der zweite Weltkrieg, dessen Geschehnisse die Gaststätte zum Lazarett umfunktionierten. In den 50er Jahren diente es dann außerdem für Steuerlehrgänge für Banken und Versicherungen. Ab 1961 war hier nun kein Schullandheim mehr untergebracht, das war im Übrigen das Jahr, in dem der Gehrdener Bahnhof geschlossen wurde und somit keine Bahnverbindung mehr nach Hannover bestand. Die Besucherzahlen sanken. Der Kaufmann Magis aus Hannover, der sein Geschäft am Kröpke in dem Haus hatte, indem man heute Hennes & Mauritz findet, kaufte 1964 das gesamte Gebäude und sanierte den Turm. Dem Nebengebäude konnte keine neue Funktion zugesprochen werden und wenn man es sich heute betrachtet ahnt man schon, was also in den 70er- und 80er Jahren passierte. Es zerviel langsam bis auf seine massiven Außenmauern.

Seit 1985 ist das Gelände nun in Besitz der Stadt Gehrden. Der Turm wurde gesichert, sodass er der Öffentlichkeit weiterhin zugänglich blieb. Für die Öffnung des Turms sorgten zuletzt Schüler des MCG Gehrden, was aber aus finanziellen Gründen beendet wurde. Seit 2006 kann der Burgberg- turm durch ehrenamtliche Dienste wieder besucht werden.

Architektur

 

Hervorgerufen durch ein Zusammenspiel des steilen Wegs durch den Wald, auf den Berg hinauf, den Namen Burgberg und Burgbergturm entsteht eine gewisse Vorstellung, die den Besucher etwas historisches erwarten lässt. Das Erscheinungsbild der Ruine samt Turm bestätigt die Erwartung. So mancher Besucher ist erstaunt wenn er hört, dass Turm und Ruine gerade einmal 120 Jahre alt sind.

Die Assoziationen zu einer Burg und einer Wehranlage sind gewollt und passen hervorragend in jene architektonische Epoche um 1900, in die Umgebung und stellen insgesamt ein schlüssiges Konzept dar.

Architektur steht immer im Bezug zur direkten Umgebung und der Region. Auch die Geschichte des Ortes kann eine Rolle spielen. All diese Kriterien lassen sich auf den Burgbergturm anwenden. Zwei Begriffe sind für das Verständnis des Bauwerks wichtig: der Historismus und der Regionalismus.

Der Ausdruck Historismus bezeichnet in der Architektur einen ab dem 19. Jahrhundert verbreiteten Stil, bei dem auf vergangene Stilrichtungen zurückgegriffen wurde, welche teilweise kombiniert wurden. So entstand mancher Bau, aus einem wilden "Epochengemisch".

Das Außenmauerwerk des Turms und der Gastwirtschaft besteht aus Muschelkalkbruchstein, welcher aus dem Burgberg stammt. Es hätte ebenso aus Ziegelsteinen erbaut werden können - die Gehrdener Ziegelei war nicht weit entfernt. Allerdings passen die groben, verschieden großen Bruchsteine in das historisierende oder auch eklektische Konzept und in die historische Wallanlage. Die Grobheit des Mauerwerks erinnert an eine alte Wehrmauer, eine Burg, oder eine romanische Kirche.  Der 20 Meter hohe Turm unterstützt diese Assoziationen.

Muschelkalk ist die mittlere Gesteinsgruppe der sogenannten Trias, oder auch germanischen Trias, einer Anordnung verschiedener Gesteins-gruppen, die in Europa, nördlich der Alpen zu finden ist. Hier findet der zweite Begriff Anwendung, der Regionalismus. Es fand hier ein Kalkstein Verwendung, der auch zu Zeiten der historischen Wallanlage hätte verwendet werden können. Bis zur industriellen Revolution war man auf jene Baustoffe angewiesen, die die Region hergab. Weiterhin wurde die Bauart vom Klima der Region beeinflusst. Würde man nun zum Beispiel im süddeutschen Raum über ein Reetgedecktes Fachwerkhaus mit Krüppelwalmdach stolpern, erzeugte ein dunkler massiver Blockbau mit weit vorgezogenem Flugdach in Norddeutschland Verwirrung. Unser kollektives Gedächtnis ordnet bestimmte Bauten und Materialien einer Region zu.

Man stört sich nicht an dem Kalkstein des Burgberturms, da er aus dieser Region, sogar aus der direkten Umgebung stammt.

Kombiniert wurde dieser Stil mit einem zweigeschossigen Walm- und Krüppelwalmdach aus Kiefernfachwerk. Die Gefache sind mit Ziegel-steinen ausgemauert. Somit erinnert der gesamte Dachaufbau mit seinem Giebelkreuz an ein niedersächsisches Hallenhaus. Alles wirkt auf uns bekannt und vertraut

Der gesamte Bau stand nicht bloß für sich als Gastwirtschaft im Wald. Es ist ein für die Zeit typischer Bau des Historismus, der sich geschickt in die Geschichte des Ortes einfügt. Die Wanderung durch verschiedene Epochen und Stile mit Muschelkalkbruchstein, romanischen und gotischen Rund- und Spitzbögen, norddeutschem Fachwerk, Ziegel-steinen, Krüppelwalmdach und Giebelkreuz stören den Betrachter jedoch nicht, da all dies ein Abbild vergangener Zeiten und unserer Region ist.